26.04.07

Variationen über das Paradies-Schema

... 2005 // Auf der Suche nach dem richtigen Pegel / A. L. Kennedys neuer Roman Paradies kommt dem idealen Grad der Trunkenheit sehr nahe. Die Bücher der schottischen Schriftstellerin A. L. Kennedy sollte man lesen, aber nicht nacherzählen – das gilt für alles, was bisher von ihr in deutscher Übersetzung erschienen ist. Es schadet nicht, zu sagen, dass in diesen Büchern Sex und Gewalt den Ton angeben, doch jede Nacherzählung muss den Eindruck erwecken, die Autorin sei krampfhaft um möglichst aberwitzige, völlig unglaubwürdige Geschichten bemüht. Erst die Lektüre selbst vermag die Glücklichen unter uns Lesern davon zu überzeugen, dass die Geschichten als solche irrelevant sind, die Frage nach Glaub- oder Unglaubwürdigkeit sich nicht stellt und der Aberwitz der von Kennedy entworfenen Versuchskonstellationen immer nur dazu dient, sprachliche Orgien von hoher Suggestivkraft zu stimulieren.

Dieses Paradies existiert nur dann, wenn man daraus verstoßen wird / Bei Paradies, dem neuen Roman von A. L. Kennedy, sieht das alles ganz anders aus, hier kann tatsächlich die Nacherzählung keinen Schaden anrichten: weil es kaum etwas nachzuerzählen gibt. Die Geschichte der 36-jährigen Hannah Luckraft, die in Paradies erzählt wird, ist weniger eine Geschichte als vielmehr ein Zustand oder doch höchstens ein Wechselbad zweier Zustände, die einander ablösen und bedingen. Hannah ist entweder durstig oder verkatert, entweder rückfällig oder auf Entzug, entweder unter- oder überstimuliert. Es gibt im Grunde zwei Höllen für sie, eine ist die, in der sie sich gerade befindet, und die andere die, nach der sie sich dann sehnt – freilich ist im ganzen Buch nicht von Höllen die Rede, sondern allerhöchstens vom Gegenteil. Das »unverdünnte Aroma des Paradieses« ist da zu schmecken, wo alle Begierde von Körper und Seele dem »idealen Grad der Trunkenheit« nahe kommen. Leider ist das Paradies, das hier beschworen wird, eines, das erst dann wirklich zu existieren beginnt, wenn man daraus verstoßen wird.

Hannah ist Trinkerin, wirkliche Trinkerin; wenn sie trinkt, dann nicht so wie die "Möchtegerntrinker" oder die "Amateurtrinker", die sie verachtet. Sie schüttet Flüssigkeiten in sich hinein auf der Suche nach dem richtigen Pegel; bisweilen übergibt sie sich "ein wenig", bisweilen erleidet sie einen Filmriss wie gleich zu Beginn des Buches und braucht quälend lange, um herauszubekommen, wer und wo sie ist und warum, bisweilen beklagt sie "das ganze offensichtliche Elend in allen Dingen" und weiß, dass die Wirklichkeit "nichts als Schrecken" zu bieten hat; freilich sind das immer nur Übergangsstadien auf dem Weg zurück zu den hochprozentigen "Freunden und Bekannten", die sie "zu Hause willkommen heißen" als "Belohnungen" und Tröstungen.

Eine Tröstung ist in guten Momenten auch Robert, der ebenso wie Hannah gelegentlich eine Entziehungskur durchmacht, nur leider nicht gleichzeitig. Wenn Hannah nichts mehr spürt "außer der Erinnerung an Haut", dann ist es Roberts Haut, die sie spüren möchte; wenn sie nach einem Filmriss wieder zu sich kommt und realisieren muss, dass sie mit einer abstoßenden Zufallsbekanntschaft ins Bett gestiegen ist, dann ist es Robert, den sie gebrauchen könnte. Robert ist Zahnarzt, er versteht sich aufs Betäuben, freilich auch aufs Berühren; zwischen Betäubung und Berührung oszillieren die Bedürfnisse, mit denen Hannah zu kämpfen hat. "Wenn ich ein Bedürfnis habe, das nichts mit Durst zu tun hat, weiß ich nie, wie ich es stillen kann."

Überhaupt muss Hannah die Welt einteilen in die Dinge, die mit Durst, mit Flüssigkeiten, mit Betäubung zu tun haben, und die Dinge, die nüchtern, trocken, emotionslos sind. Die "aufbauende Wirkung des Seewetterberichts" schätzt sie sehr, er ist so beständig, wie sie selbst es nie sein kann. Ihre Eltern sind eigentlich ebenso beständig und gerade deshalb Teil des globalen Problems. Hannah fühlt sich "umgeben von Dingen, die nicht so sind, wie sie sein sollten, wie ich sie mir wünsche", und das erträgt sie nicht. "Die meisten Menschen überleben nur, indem sie gewisse Dinge ausblenden. (…) Ständige kleinere Filmrisse sind also ganz in Ordnung." Hannah möchte gar nichts spüren oder höchstens "die weiche Hand des Nichts", das Nirvana, das eigentlich ein Zusammenfallen von Berührung und Betäubung sein müsste, ein paradiesischer Zustand, den sie sehr selten mit Robert und wohl etwas häufiger mit einer guten Flasche erlebt. Es geht nicht nur darum, die Welt zu ertragen, es geht auch darum, von der Welt ertragen zu werden, und dies in einer Gesellschaft, in der Sex ohne Alkohol selten ist und Männer ihre neuen Freundinnen als Erstes zum Hunderennen mitnehmen.

Hannah hat sich "einen Lebensstil gestattet, der durch Improvisationskunst besticht und viele erfreuliche Unfälle herbeigeführt hat". Nichts ist vorhersehbar: "Nüchtern habe ich keinen Schimmer, was ich tue." Eine der größten Qualitäten von Paradies ist, dass A. L. Kennedy genau diese Unvorhersehbarkeit in Text umsetzt. Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Geschehenserwartungen – in jedem Moment ist alles möglich. Dennoch geschieht gelegentlich das Unmögliche. Zu Anfang, als Hannah sich desorientiert und quälend langsam selbst wiederzufinden versucht, tut das unauflösliche Gewirr aus Unmöglichem und Möglichkeiten bei der Lektüre geradezu weh, zumal es einhergeht mit ungelenken Sätzen, hölzernen Dialogen, künstlichen Verzögerungen. Später wird die Prosa flüssiger, wir schwimmen durch den Roman wie Pegeltrinker, die nicht recht wissen, wie ihnen geschieht, sich in diesem Zustand aber auf fast schon wohlige Art einzurichten wissen. Dabei allerdings bleibt es nicht; A. L. Kennedy schenkt nach, und schließlich stolpern wir in eine Art Delirium, spüren einerseits nichts mehr und haben andererseits wirbelnde Bilder im Kopf, die grell und dumpf zugleich sind.

Am Ende haben wir als Leser fast das Gefühl, selbst einen Filmriss erlitten zu haben, denn vieles bleibt unaufgeklärt. Es wird nicht aufgelöst, wem die fremde Kreditkarte in Hannahs Tasche gehört; es wird nicht aufgelöst, was mit Hannahs Großeltern geschehen ist, die mit keinem Wort erwähnt werden dürfen; es wird nicht aufgelöst, was jener mysteriöse Doheny, den alle außer Hannah zu kennen scheinen, mit Robert zu tun hat. Was sich auflöst, das sind die Grenzen zwischen Delirium, Paranoia und Realität; was sich auflöst, sind die Konturen von Hannahs Bewusstsein, das die Perspektive dieses Buches bestimmt, weswegen wir nach der Lektüre unsicherer denn je sind, was denn wohl Lüge war und was Wahrheit. "Wir erwarten selbstverständlich, dass alle bei ihren Erinnerungen lügen", bemerkt Hannah in den Selbsterfahrungsrunden der Entziehungskur, fügt jedoch gleich hinzu: "Aber diese Lügen sind doch ziemlich verräterisch."

Eine wunderbar brachiale Ironie ist in jeder Zeile zu spüren / "Und das ist die Lektion des Lebens: Was voll ist, wird geleert werden." Was aber ist die Lektion diese Buches? Was mit solcher schroffen Verve geschrieben ist, das muss gelesen werden, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Hannah Luckraft mag vieles sein, weinerlich immerhin ist sie nicht und dieses Buch noch viel weniger. Ob A. L. Kennedy sich wirklich auf Humor und Witz versteht, wie viele meinen, bleibt nach der Lektüre von Paradies zweifelhafter denn je, denn da, wo sie satirisch zu werden beginnt, flacht ihre Prosa spürbar ab; eine wunderbar brachiale Ironie und ein nimmer endender Sarkasmus freilich sind in jeder Zeile zu spüren. Und die besondere, kaum zitierfähige Meisterschaft A. L. Kennedys liegt wohl doch in ihrer Fähigkeit, auf auffällige Weise unoriginelle Sätze zu schreiben, die unauffällig nachwirken. Die latente Gewalt setzt sich über das Bedürfnis nach Nähe hinweg und markiert dieses Bedürfnis gerade dadurch: Betäubung und Berührung sind nicht zu trennen.

/ Von Friedhelm Rathjen. (© DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39) A. L. Kennedy: Paradies Roman; aus dem Englischen von Ingo Herzke; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2005; 362 S., 22,50 €

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2002 / Meine Mutter beendete ihr Leben in der Wohnung ihrer Schwester in der Ben-Jehuda-Straße in Tel Aviv, in der Nacht von Schabbat auf Sonntag, den 6. Januar 1952, den 8. Tewet 5712. Damals tobte in israel ein geradezu hyterischer Streit über die Frage, ob der Staat Israel von Deutschland Reparationen für das Vermögen von Juden, die während der Hitler-Zeit ermordet worden waren, fordern und annehmen dürfe oder nicht. Einige teilten David Ben Gurions Standpunkt, man dürfe nicht zulassen, daß die Mörder die Ermordeten auch noch beerbten, und hielten es entschieden für richtig, daß der Gegenwert des von den Deutschen geraubten jüdischen Vermögens dem israelischen Staat zurückerstattet und diesem dadurch ermöglicht würde, die Überlebenden des Völkermords zu integrieren. Andere wiederum, mit dem Oppositionsführer Menachim Begin an der Spitze, erklärten voller Schmerz und Wut, dies sei ein moralisches Verbrechen und eine Entweihung des Andenkens der Ermordeten, wenn der Staat der Opfer den Deutschen leichte Absolution für schmutziges Geld verkaufe.
Im ganzen Land regnete es in jenem Winter, dem Winter 1951/2, fast pausenlos mit aller Heftigkeit. Der Ajalon-Fluß, Wadi Musrara, trat über die Ufer und überflutete das Montefiore-Viertel in Tel Aviv und drohte, auch weitere Stadtteile unter Wasser zu setzen. Die schweren Überschwemmungen verursachten verheerende Schäden in den aus Zelten, Wellblechverschlägen und mit Segeltuch umspannten Hütten bestehenden Übergangslagern, in denen sich damals Hunderttausende von jüdischen Flüchtlingen, die völlig mittellos aus den arabischen Ländern geflohen waren, aber auch Abertausende Hitler-Überlebende aus Osteuropa und den Balkanstaaten zusammendrängten. Die Wassermassen hatten einige Übergangslager derart überflutet, daß sie völlig abgeschnitten waren und hunger- und Seuchengefahr bestand.
Der Staat Israel war damals weniger als vier Jahre alt und hatte gut eine Million Einwohner. Fast ein Drittel von ihnen waren mittellose Flüchtlinge. Wegen der hohen Ausgaben für die Landesverteidigung und für die Integration der Einwanderer sowie wegen der ausufernden Bürokratie und schwerfälligen Verwaltung leerte sich die Staatskasse, und die öffentlichen Erziehungs-, Gesundheits- und Wohlfahrtseinrichtungen standen vor dem Zusammenbruch. Am Anfang jener Woche war David Horowitz, der Generaldiraktor des Finanzministeriums, in die Vereinigten Staaten gereist, in der Hoffnung, innerhalb von ein oder zwei Tagen einen kurzfristigen Kredit in Höhe von zehn Millionen Dollar zu organisieren, um die Katastrophe abzuwenden. Über all das sprachen Vater und ich nach seiner Rückkehr aus Tel Aviv.
Am Donnerstag hatte er Mutter zu Tante Chaja und Onkel Zvi gebracht, war über Nacht bei ihr geblieben, und nach seiner Rückkehr am Freitag hörte er von Großmutter Schlomit und Großvater Alexander, ich hätte mir anscheinend eine Erkältung eingefangen, aber trotzdem darauf bestanden, morgens aufzustehen und in die Schule zu gehen. Großmutter schlug vor, Vater und ich sollten über Schabbat bei ihnen bleiben. Wir sähen beide so aus, als sei bei uns irgendein Virus im Anzug. Aber wir zogen es vor, nach Hause zu gehen. Aber auf dem Heimweg von der großelterlichen Wohnung in der Prag-Gasse berichtete Vater mir ernsthaft, wie zwischen Erwachsenen, die Stimmung meiner Mutter habe sich bei Tante Chaja sofort gebessert. Am Donnerstag abendwaren sie alle vier, Zvi und Chaja und Mutter und vater, in ein kleines Café gegangen, zwei Schritte von Chajas und Zvis Wohnung entfernt, in der Dizengoff-, Ecke Jabotinsky-Straße. Sie hatten nur kurz bleiben wollen, doch dann hatten sie bis zur Schließung dort gesessen und über Leute und Bücher gesprochen. Zvi hatte allerlei interessante Geschichten aus dem Krankenhausleben erzählt, und Mutter hatte gut ausgesehen und sich am Gespräch beteiligt und nachts auch mehrere Stunden geschlafen, erst in den frühen Morgenstunden war sie wach geworden und hatte sich in die Küche gesetzt, um die Schlafenden nicht zu stören.
Früh am Morgen, als Vater sich von ihr verabschiedete, um nach Jerusalem zurückzufahren und noch ein paar Stunden in der Zeitungsabteilung zu arbeiten, hatte Mutter ihm versichert, man brauche sich keine Sorgen um sie zu machen, das Schlimmste liege schon hinter ihr, und er solle bitte gut auf den Jungen aufpassen. Gestern, als sie nach Tel Aviv aufgebrochen seien, sei es ihr so vorgekommen, als beginne der Junge eine Erkältung auszubrüten. Vater sagte: "Deine Mutter hatte eindeutig recht hinsichtlich der Erkältung, und ich hoffe, sie hatte auch recht damit, daß das Schlimmste schon hinter ihr liegt." Ich sagte: "Ich habe nur noch ein paar Hausaufgaben zu machen. Wenn ich damit feritg bin, hast du vielleicht Zeit, daß wir neue Briefmarken ins Album kleben?" An jenem Schabbat regnete es fast den ganzen Tag. Es regnete und regnete. Hörte nicht auf zu regnen. Vater und ich verbrachten einige Stunden über unsere Briefmarkensammlung gebeugt, und mein Kopf berührte manchmal zufällig seinen Kopf. Wir verglichen jede Marke mit ihrem Ebenbild in dem dicken britischen katalog, und Vater fand für jede neue Briefmarke den richtigen Platz im Album, sei es auf einer neuen Seite. Mittags legten wir beide uns ein wenig hin, er bei sich und ich wieder in meinem Zimmer, in dem Bett, das in den letzten Tagen das Krankenbett meiner Mutter geworden war. Danach waren Vater und ich bei Großvater und Großmutter eingeladen, um dort gefilte Fisch in goldgelbem Sud, umringt von einer ganzen Batterie gekochter Karottenscheiben, zu essen. Aber da wir beide bereits Schnupfen und Husten hatten und da der Regen draußen noch immer herunterprasselte, beschlossen Vater und ich, daß es besser sei, zu Hause zu bleiben. Die Wolken hingen so tief, daß wir schon um vier Uhr das elektrische Licht anmachen mußten. Vater setzte sich an seinen Schreibtisch und arbeitete zwei bis drei Stunden an einem Aufsatz, bei dem er den Abgabetermin bereits zweimal nach hinten verschoben hatte. Seine Brille ein Stück die Nase hinuntergerutscht, beugte er sich über seine Bücher und Kärtchen. Während er arbeitete, lagerte ich auf der Matte zu seinen Füßen und las ein Buch.

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