Appendix T (de battre mon cœur s'est arrêté)
... // Was also ist denn nun autobigraphisch an meinem Romanen, und was ist erfunden? Alles ist autobiographisch: Wenn ich einmal eine Geschichte über eine Liebesaffäre zwischen Mutter Teresa und Abba Eban schreiben sollte, wäre das bestimmt eine autobiographische Geschichte - wenn auch kein Bekenntnis. Jede Geschichte, die ich geschrieben habe, war autobiographisch, keine ein Bekenntnis. Der schlechte Leser will immer wissen, und zwar auf der Stelle: Was ist in Wirklichkeit geschehen? Was ist die Geschichte hinter der Geschichte, was läuft hier ab, wer gegen wen, wer hat es eigentlich mit wem getrieben? "Professor Nabokov", fragte einmal eine Interviewerin in einer Live-Sendung im amerikanischen Fernsehen, "Professor Nabokov, sagen Sie uns bitte, are you really so hooked on little girls?" Auch ich habe gelegentlich das Vergnügen, daß begierige Interviewer mich im Namen "des Anspruchs der Öffentlichkeit auf Information" fragen, ob meine Frau als Vorbild für die Figur der Hannah in Mein Michael gedient habe, ob die Küche bei mir genauso schmutzig sei wie bei der Firma in Der dritte Zustand, und manchmal bitten sie mich: Vielleicht können Sie uns erzählen, wer die junge Frau in Allein das Meer nun wirklich ist? Hatten Sie nicht zufällig selbst einen Sohn, der irgendwann im Fernen Osten verschwunden war? Und vielleicht sind Sie freundlicherweise bereit, uns in Ihren Worten zu sagen, wovon der Roman Der perfekte Friede tatsächlich handelt? Was wollen diese schnaufenden Interviewer eigentlich von Nabokov und mir? Was will der schlechte Leser, das heißt, der träge Leser, der an der platten Realität orientierte Leser, der klatschsüchtige, voyeuristische Leser? Im schlimmsten Fall kommen sie mit Plastikhandschellen bewaffnet zu mir, um mir, tot oder lebendig, meine Botschaft abzupressen. Die "Quintissenz" wollen sie. Das, "was der Dichter sagen wollte". Ich soll ihnen "in meinen Worten" meine subversive Botschaft preisgeben, "die Moral von der Geschichte", die politische Einstellung, "die Weltanschauung". An Stelle eines Romans wollen sie etwas Konkreteres, etwas Handfestes mit Bodenhaftung, so etwas wie "die Besatzung korrumpiert" oder "die gesellschaftlichen Gegensätze sind eine tickende Zeitbombe" oder "die Liebe siegt" oder "die Eliten sind verrottet" oder "die Minderheiten werden benachteiligt". Kurz: Überreiche ihnen bitte, abgepackt in Leichensäcken aus Plastik, die heiligen Kühe, die du in deinem letzten Buch für sie geschlachtet hast. Danke. Und manchmal erlassen sie dir auch die heiligen Kühe und sind bereit, sich mit der Geschichte hinter der Geschichte zu begnügen. Den Klatsch wollen sie. Durchs Schlüsselloch spähen. Sie möchten erfahren, was wirklich in deinem Leben passiert ist, nicht das, was du hinterher in deinen Büchern darüber geschrieben hast. Man soll ihnen endlich und unverblümt und unumwunden verraten, wer es wirklich mit wem getrieben hat, und wie und wie oft. Das ist alles, was sie wissen wollen, und das stellt sie zufrieden. Shakespere in Love, Thomas Mann bricht sein Schweigen, Dalia Ravikovitch enthüllt, Saramago bekennt, Lea Goldbergs pralles Liebesleben. Der schlechte Leser ist eine Art psychopatischer Liebhaber, der der Frau, die ihm in die Hände gefallen ist, die Kleider vom Leib reißt und, sobald sie splitternackt ist, gleich weitermacht, ihr die haut abzieht, ungeduldig das Fleisch wegräumt, ihr Skelett zerlegt, und erst wenn er ihre Knochen mit seinen großen gelben Zähnen zermalmt, endlich befriedigt ist:Das wär's. Jetzt bin ich wirklich, wirklich drinnen. Ich bin angelangt. Wo ist er angelangt? Bei dem alten, banalen, abgedroschenen Schema, dem Bündel dürrer Klischees, die auch der schlechte Leser längst kennt, und deshalb ist er zufrieden, und nur damit: Die Figuren in dem Buch sind bestimmt alles in allem doch bloß der Schriftsteller selber und seine Nachbarn. Und der Schriftsteller oder seine Nachbarn sind, wie sich zeigt, keine wer weiß wie großen Heiligen, alles in allem ziemlich wüst, wie wir alle. Wenn man sie bis auf die Knochen entblößt hat, stellt sich immer heraus, daß "alle gleich sind". Und genau das sucht (und) findet der schlechte Leser so begierig in jedem Buch. Mehr noch: Der schlechte Leser, ebenso wie der schnaufende Interviewer, hegt immer eine argwöhnische Aversion, eine puritanisch-prüde Feindseligkeit gegenüber dem schöpferischen Werk, gegenüber Empfindung, List und Übertreibung, gegenüber dem Spiel des Liebeswerbens, gegenüber dem Zweideutigen, Musikalischen und Musischen, ja, der Phantasie selbst. Er ist vielleicht gelegentlich bereit, einen Blick in ein komplexeres literarisches Werk zu werfen, aber nur unter der Bedingung, daß ihm die "subversive" Befriedigung an der Schlachtung heiliger Kühe vorab garantiert ist oder auch die säuerlich selbstgerechte Befriedigung, die der Konsum von Skandalen und Enthüllungen aller Art bereitet, nach Art der Boulevardpresse. Die Befriedigung des schlechten Lesers entspringt daraus, daß der berühmte und gefeierte Dostojewski höchstpersönlich vage des düsteren Hangs verdächtigt wurde, alte Frauen zu berauben und zu ermorden, William Faulkner bestimmt etwas mit Inzest zu tun hatte, Nabokov es vermutlich mit minderjährigen Mädchen trieb, Kafka sicher auch von der Polizei eines Verbrechens bezichtigt wurde (wo Rauch ist, ist auch Feuer) und Abraham B. Jehoschua wohl gelegentlich Wälder des Jüdischen Nationalfonds in Brand gesetzt hat (da gibt's Rauch und Feuer), ganz zu schweigen von dem, was Sophokles mit seinem Vater gemacht hat und mit seiner Mutter, denn wie hätte er das sonst wohl so lebendig schildern können, was heißt lebendig, sogar lebendiger, als es im wirklichen Leben passiert?
Nur von mir selbst weiß ich zu erzählen.
Eng ist meine Welt, eng wie die Welt einer Ameise ...
Auch meinen Weg, wie ihr Weg zum Wipfel,
ein Weg voll Mühsal und voll Schmerz,
macht eine selbstsichere Hand
leichthin zunichte.
Ein Schüler hat mir vor langer Zeit einmal folgende Zusammenfassung dieser Gedichtverse eingereicht:
Als die Dichterin Rachel noch ganz klein war, ist sie schrecklich gern auf Bäume geklettert, aber jedesmal, wenn sie anfing zu klettern, kam ein Rowdy und hat sie mit einem Schlag wieder runter auf den Boden geschmissen. Deswegen war sie arm dran.
Wer den Kern der Geschichte im Verhältnis zwischen Werk und Autor sucht, der irrt: Man sollte ihn nicht im Verhältnis zwischen dem Verfasser und seinem Text suchen, sondern in dem zwischen Text und Leser. Nicht, das es zwischen text und Autor nichts zu entdecken gibt - biographische Forschung hat ihren Platz, Klatsch hat seinen Reiz, und vielleicht hat die Erforschung des biographischen Hintergrunds mancher Werke auch etwas Pikantes. Vielleicht sollte man Klatsch nicht geringschätzen: Der Klatsch ist der vulgäre Cousin der Literatur. Zwar wird die Literatur ihm auf der Straße meist nicht guten Tag sagen, aber die Familienähnlichkeit läßt sich nicht leugnen, sie beruht auf dem ewigen und universalen Drang, in die Geheimnisse der Mitmenschen hineinzuspähen. Nur wer nie die Reize des Klatsches genossen hat, möge vortreten und den ersten Stein auf ihn werfen. Aber seine Genüsse sind nur rosa Zuckerwatte. Die Lust am Klatsch ist von der Lust an einem guten Buch soweit entfernt wie künstlich gefärbte Limonade von frischem Wasser oder edlem Wein. Als ich klein war, brachten meine Eltern mich zwei-, dreimal zu Pessach oder Rosch Haschana in Edi Rogozniks Photoatelier am Tel Aviver Bograshov-Strand. Bei Edi Rogoznik stand ein riesiger Muskelprotz, ein Pappriese. Eine winzige Badohose spannte sich um seine Stierlenden, er hatte Berge über Berge von Muskeln, und seine mächtige behaarte Brust schimmerte bronzefarben. Dieser Pappriese hatte an Stelle des Gesichts ein Loch, und hinter ihm stand ein kleines Treppchen. Du wurdest aufgefordert, den Helden von hinten anzugehen, zwei Stufen des Treppchens zu erklimmen und deinen Kopf Richtung Kamera durch das Gesichtsloch dieses Herkules zu stecken. Edi Rogoznik sagte, bitte lächeln, nicht bewegen, nicht blinzeln, und drückte ab. Zehn Tage später holten wir die Photos ab, auf denen mein kleines, blasses, ernstes Gesicht hoch auf dem sehnigen Stierhals saß, umwallt von der Haarfülle des heldenhaften Simson, kombiniert mit den Schultern des Atlas, der Brust Hektors und den Armen des Kolossus. Jedes gute literarische Werk lädt uns ein, den Kopf durch die eine oder andere Edi-Rogoznik-Figur zu stecken. Satt den Kopf des Schriftstellers dort einzusetzen, sollte man lieber den eigenen Kopf hineinstecken und sehen, was passiert. Das heißt: Der Raum, den der gute Leser sich bei der Lektüre erschließt, ist nicht der zwischen Text und Autor, sondern der zwischen dem Text und ihm selbst. Nicht: Hat Dostojewski tatsächlich schon als Student alte Witwen ermordet und ausgeraubt? Sondern du, der leser, versetzt dich in das Grauen und die Verzweiflung und das wuchernde Elend, die napoleonische Arroganz und den Größenwahn, das Hungerfieber und die Einsamkeit, die Leidenschaft und die Müdigkeit bis hin zur Todessehnsucht - und stellst dann einen Vergleich an (dessen Erbegnisse geheim bleiben): nicht zwischen der Romanfigur und deinem Ich, dem geheimen, gefährlichen, unglücklichen, irrsinnigen und kriminellen Ego, diesem furchterregenden Wesen, das du immer tief in deinem finstersten Verlies gefangenhältst, damit kein Mensch auf der ganzen Welt, Gott behüte, je etwas von seiner Existenz ahnt, nicht deine Eltern, nicht deine Lieben, damit sie nicht entsetzt vor dir flüchten, wie man vor einem Monster Reißaus nimmt. Wenn du Raskalnikows Geschichte liest - und vorausgesetzt, du bist nicht der klatschversessene, sondern der gute Leser -, dann kannst du doch diesen Raskalnikow bei dir einlassen, in deine Keller, deine finsteren Labyrinthe, hinter all die Gitter und ins Verlies, und dort kannst du ihn mit deinen schählichsten und schändlichsten Monstern bekannt machen, kannst Dostojewskis Monster mit deinen vergleichen, jenen Monstern, die du in deinem zivilen Leben nie mit irgendetwas vergleichen kannst, weil du sie nie und nimmer einer lebenden Seele vorstellen würdest, auch nicht flüsternd im Bett der oder dem neben dir Liegenden, damit die- oder derjenige nicht entsetzt das Laken an sich rafft, sich darin einwickelt und mit Entsetzensschreien vor dir flüchtet. So kann Raskalnikow die Schmach und die Einsamkeit des verlieses, in das jeder von uns seinen inneren Gefangenen sein Leben lang verbannen muß, ein wenig versüßen. So können die Bücher dich ein wenig über die Schrecken deiner schmählichen Geheimnisse hinwegtrösten: Nicht nur du, mein Freund, wir alle sind vielleicht ein wenig wie du. Kein Mensch ist eine Insel, aber jeder von uns ist eine Halbinsel, fast allseits von schwarzen Wassern umgeben und doch auch mit anderen Halbinseln verbunden. Rico Danon beispielsweise denkt in Allein das Meer an den geheimnisvollen Schneemenschen im Himalaja:
Der Mensch, von einer Frau geboren, trägt die Eltern auf den Schultern. Nein, nicht auf den Schultern. In sich. Tragen muß er sie ein ganzes Leben, sie und ihr Gefolge, ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern, eine Matrjoschka, schwer von Kindern bis zurück zu den Urahnen: Wo er sich auch hinwendet, er trägt die Vorfahren, wenn er sich niederlegt, trägt er die Vorfahren und wenn er aufsteht, trägt er sie, mag er in weite Fernen wandern oder bloß zu Hause bleiben. Nacht um Nacht teilt er sein Feldbett mit dem Vater und das Sofa mit der Mutter, bis sein Tag kommt.
Und du, frage bitte nicht: Was, sind das wirkich Tatsachen? Geht es bei diesem Autor so zu? Frage dich selbst. Über dich selbst: Und die Anwort kannst du für dich behalten.

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