Appendix G (Von der Idee des Säkulären und den Vorzügen der laïcité / ceci n'est pas un roman)
In der japanischen Architektur bestand ein solches Rastersystem seit Jahrhunderten: Die Einheit der Grundrißplanung ist hier die Dimension der Tatami, der Reisstrohmatte, mit welcher der Boden ausgelegt wird. Sie bestimmt die einheitlichen Proportionen der Räume. Jeder Mensch von heute baut sich auf irgendeine Art Gestelle, Gerüste, der Architekt plant Häuser mit Hilfe von Zeichnungen mit dem geraden Lineal, worauf er Winkel legt, um genaue Vertikalen zu erreichen. In das Gerüst eines Hochhauses baut er Wände zu Räumen. Arbeit oder Familie finden Raum darin. Der lauf der Zeit wird geplant. Gitterförmige Kalender zeichnen Tage, Wochen, Monate, Jahre. Mit Namensbezeichnung kann ein Datum auch sprachlich benannt werden. Ein Jahr verläuft in Arbeits-, Ruhe- und Feiertagen. Jeder Berufstätige gebraucht zu seinem Wirken Einteilungen vieler Arten.
Es gilt folgende Annahme: Beim Betrachten von Bildern, Skulpturen, Bauwerken, von allerlei Zierrat, ja selbst von Ornamenten auf Gebrauchsgegenständen, angefangen bei den Funden der Steinzeit bis zur heutigen Malerei, stellt sich immer wieder die Frage: Was ist damit gemeint? Was verbirgt sich dahinter? Das Bildhafte oder die Verzierung ist ja zumeist nicht in der Aussage oder verständlich "lesbar". Der Betrachter vermutet einen dahinterliegenden Sinn und sucht nach einer Deutung. Diese oft undefinierbare Aussagemöglichkeit einer Darstellung wird auch mit dem Ausdruck "symbolischer Gehalt" bezeichnet. Es ist zu bedenken, dass die Ausdrucksmöglichkeiten der gegenseitigen Verständigung zwischen den Wesen einer Gruppe, einer Artgemeinschaft, wohl seit Beginn allen Lebens eine der wichtigsten Bedingungen für das Überleben schlechthin war. Die Verständigung unter den Menschen hat sich, entlang dem geistigen Fortschritt, mehr und mehr auf die sprachliche Mitteilung konzentriert. Die sichtbar gewordene Sprache - die Schrift - was bis vor einigen hundert Jahren als Privileg einer Elite vorbehalten. Die "analphabetisch" gebliebene Bevölkerung verfügte zu dieser Zeit über andere Möglichkeiten der Fixierung und Übermittlung von Gedachtem und Gesprochenem: über Bilder, Symbole, Zeichen und Signale. Bilder und Zeichen trugen entweder einen offen verständlichen oder im Gegenteil - einen verschlüsselten, symbolischen Sinn. Auf Grund der Verbreitung der alphabetischen Schrift durch die Rationalisierung der Denkweise überhaupt ist dieses ursprüngliche Bild- und Zeichengut während der letzten fünfhundert Jahre fast vollständig verschwunden. Heute erwacht ein neues Interesse an diesen in Vergessenheit geratenen Schätzen. In geistigen Lebensbereichen besteht das Verlangen, andere Denk- und Glaubensarten zu verstehen und zu erleben. Damit weitet sich der Interessenkreis an der Entdeckung neuer Sinnzeichen und Symbole.
Zur Erinnerung: Bei jedem Lidaufschlag steht dem Menschen ein Bild vor den Augen. Seine Gedanken zur Gestaltung, seine Erinnerung an seine Träume spielen sich in Bildreihen ab. Seine Gedanken sind der Referenzrahmen für diejenigen Dinge, welche er gesehen, erlebt oder erträumt hat. Es ist hierbei bemerkenswert, dass die Ansicht eines Bildes als müheloser empfunden wird, als eine gesprochene Mitteilung anzuhören oder zu verstehen. Die massive Diffusion von Bildern - ob auf dem Bildschirm eines TV-Gerätes oder in gedruckter Form - ist im Begriff, die allgemeine Psyche der heutigen Generation stark zu verändern. Darüber hinaus bewirkt die Bildvermittlung sozusagen einen "Demystifikationsprozess", da alles auf der Welt von jedermann zugleich gesehen wird. Dieser "Überfluss" an fotografischer Übermittlung führt zu einem Bildüberdruss. Andererseits unterliegt der gedruckte Text, der ebenfalls in uneingeschränkter Vielfalt auf den Leser einwirkt, bestimmten Schranken. Er hat dadurch einen Teil seiner Anziehungskraft als Zeichen eingebüßt, so dass er zum notwendigen Zweckmittel geworden ist. Das Verlangen nach einer neuen "Stilisierung" des Bildes, nach Zeichnungen und Zeichen, deren Zugang durch eingehendes Betrachten, Suchen, Meditieren erfolgt, tritt in der Abstraktion zu Tage.
Von Adrian Frutiger.

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