21.04.07

white teeth (no thing is written)

... 2001 / throw your individuality away. and go ahead. - korean artist // 1989 / Der Begriff konkrete Poesie wurde zu einer Art Sammelbezeichnung für Texte, die sich mit Merkmalen wie "Rückgriff auf die Materialität des Wortes", "Einbeziehung visueller und akustischer Möglichkeiten in die Dichtung", "Experimentieren mit der linguistischen Struktur von Sprache" beschreiben lassen. Konkrete Poesie im weitesten Sinne bedeutet, so Helmut Heißenbüttel in seinen Anmerkungen zur konkreten Poesie, veränderte Verwendung von Sprache und damit eine neue Art und Weise, "sich sprachlich in der Welt zu orientieren". Trotzdem läßt sich nicht von einem einheitlichen "Gesicht der konkreten Literatur" (Reinhard Döhl) sprechen. Vielmehr existieren verschiedene Ansätze und Realisationen konkreter Dichtung, deren wesentlicher Unterschied in der Funktion liegt, die der Dichtung in der modernen Gesellschaft jeweils zugeschrieben wird. 

Einen scharf umrissenen eigenen Ansatz unter den konkreten Dichtern vertritt Eugen Gomringer. Er gehört zu den Vätern der konkreten Literatur. Unter dem Einfluss Max Bills, bei dem er Sekretär an der Hochschule für Gestaltung in Ulm war, prägte er in Analogie zur konkreten Kunst den Begriff konkrete Poesie. Darunter versteht Gomringer, selbst lange Zeit in Werbung und Industrie tätig und mittlerweile Professor für Theorie der Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf, eine Literatur, die sich ihrer gesellschaftlichen Funktion bewußt ist und "Poesie als Mittel der Umweltgestaltung" (so der Titel eines späteren Vortrags) begreift. In seinem Essay "konkrete dichtung" (1956) kritisiert Gomringer die Aufspaltung von Kunst und Leben anhand des traditionellen Autorbegriffs, der Autonomie der Kunst von gesellschaftlichen Prozessen fingiere und in symbolischer Rede große Gefühle beschwöre. 

Das neue Gedicht dagegen sei Gebrauchsgegenstand, nicht "ventil für allerlei gefühle und gedanken, sondern ein sprachliches gestaltungsgebiet, mit einem engen bezug zu modernen, naturwissenschaftlich und soziologisch fundierten kommunikationsaufgaben." Dichtung muß sich, so Gomringer in seinem ersten Manifest "vom vers zur konstellation" (1954), einfügen in die Sprache der Zeit, die "schnelle Kommunikation": fortschreitende Verknappung und Vereinfachung der Rede, zunehmender Zeichencharakter der Schrift. Gomringer entwickelte seine Theorie der konkreten Poesie entlang den Erfordernissen von technisch-naturwissenschaftlichem Fortschritt und moderner Gesellschaft. 

Mit dieser Funktionalisierung der Poesie für Zwecke des Fortschritts unterscheidet er sich prinzipiell von anderen Autoren konkreter Poesie, vor allem von Franz Mon, der mit Gomringer zu den bekanntesten Vertretern der konkreten Dichtung gehört. Wenn Mon von der "Unversöhnlichkeit zwischen experimenteller Kunst und einer Gesellschaft, die im ganzen konformistisch sein muß", spricht, bezieht er eine Position, die der Gomringers gerade entgegengesetzt ist. Definiert Mon das Konkrete als das Uneindeutige - "Was identifiziert wird, ist auch bereits verschwunden. ... Das Konkrete ist das, was nicht gedacht wird." -, so rückt Gomringer unter dem Einfluß Bills konkrete Dichtung aufgrund ihrer Prägnanz und Einprägsamkeit in die Nähe der "mathematischen Denkweise". Während Mon also auf den subversiven Charakter von Sprache rekurriert, bezieht sich Gomringer auf ihr "werbewirksames" Potential, setzt sie bewußt zur Entwicklung einer "rational-synthetischen" Weltanschauung ein. 

Von mathematischer Ordnung ist die Form, die Gomringer für das "neue gedicht" entwickelt: die Konstellation. Den Begriff constellations entlehnt er dem Spätwerk Mallarmés und stellt sich damit bewußt in die Tradition der Moderne: unter anderem bezieht er sich auch auf die Sprachspiele der Futuristen und Dadaisten. Als "ein Spielraum mit festen Größen" erlaubt die Konstellation Kombination und Variation verschiedenster Art. Konstitutiv ist dabei das "Überschreiten medialer Grenzen" (Heissenbüttel), womit in diesem Fall die Einbeziehung von graphischen Möglichkeiten in das Sprachexperiment gemeint ist. Die Konstellation mit ihren Mitteln Reihung und Inversion soll einfach und sofort verständlich sein und den Raum für Assoziationen eröffnen. Sie soll darüber hinaus - und hier ist der mehrsprachige Titel des ersten Bandes (konstellationen constellations constelationes) für Gomringer symptomatisch - für verschiedene Sprachen offen sein, als Ausdruck einer Dichtung, deren Ziel die "zukünftige universale gemeinschaftssprache" ist. 

Der Form der Konstellation fügt Gomringer später das Ideogramm hinzu. Ideogramme sind nach Gomringer "als ganzes einprägsame sehgegenstände von logischem aufbau". Allerdings ist die hier theoretisch geforderte Abgrenzung zur Konstellation nicht unbedingt einsichtig, bezeichnet doch der Autor selbst seine früheren Konstellationen nun als Ideogramme. Das Wort bleibt jedoch mit Ausnahme der I-Ging transkriptionen, in denen Buchstaben verwendet sind, als semantische Einheit bestehen, auch wenn es isoliert oder in ungewöhnliche syntaktische Zusammenhänge eingebunden wird. Reduktion, Konzentration und strukturelle Einfachheit bestimmen die Konstellation. Ein Höhepunkt dieser Entwicklung dürfte Gomringers Gedicht Schweigen sein. 1960 in dem Band 33 konstellationen publiziert, avancierte die Konstellation aus nur einem Wort zu einem der immer wieder zitierten Texte der konkreten Poesie.

schweigen schweigen schweigen
schweigen schweigen schweigen
schweigen schweigen schweigen

So sehr Gomringer sich in seinen theoretischen Texten für die Arbeit des Dichters an einem rational-synthetischen Weltbild für eine naturwissenschaftlich-technische Zukunft einsetzt, so bricht sich eine andere, esoterische Seite seines Schreibens in dem 1965 erschienenen stundenbuch Bahn. Schon der Titel knüpft an die literarische Tradition des Andachtsbuchs an, das in liturgischer Sprache geistliche Stärkung verspricht. Gomringer reiht sich bewußt in diese Tradition. 

In seinem Stundenbuch variiert er 24 Worte - gemäß den 24 Stunden des Tages - mit den Pronomina "mein" und "dein". Das Wortfeld versammelt mit existenzieller Bedeutung aufgeladene Begriffe wie Geist, Leib, Herkunft oder Tod. Seit den siebziger Jahren arbeitet Gomringer, der sich mittlerweile auch als Autor von Monografien zur bildenden Kunst einen Namen machte, vor allem mit Künstlern der abstrakten Malerei zusammen. Konsequent treibt der Autor dabei Dichtung als mathematisches Kombinationsspiel voran. 

Seine beiden Bände wie weiß ist wissen die weisen (1975) und kein fehler im system (1978) - beide in Koproduktion mit dem Maler Günther Uecker entstanden - sind Beispiele von computerpoesie. Der Titelsatz wird jeweils per Computer permutiert, Auswahl und Anordnung der auf diese Weise entstandenen "Sätze" trifft jedoch der Autor selbst. Im Gegensatz zu Heißenbüttel und Mon, den beiden weiteren Hauptvertretern der konkreten Poesie in Deutschland, die ihre literarischen Experimente für Gesellschaftskritik einsetzen und in neuen Formen weiterentickeln, treibt Gomringer in diesen Computergedichten den Entstehungsprozeß seiner Konstellationen als mathematische Kombinatorik bis zur höchsten präzision fort. Konsequent bezieht er den neuesten Stand der Technik mit ein und eröffnet möglicherweise neue Perspektiven für eine Literatur, die zumindest herkömmliche Autor- und Werkategorien sprengt. Ob die Adaptionen der Sprachexperimente Gomringers durch die Werbeindustrie seinen Intentionen gemäß sind, bleibt fraglich.

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ce que le public te reproche, cultive-le: c'est toi. / trop de milieux divers nuisent au sensible qui s'adapte. il était (une fois) un caméléon. son maître pour lui tenir chaud le déposa sur un plaid écossais bariolé. le chaméléon mourut de fatigue. - jean cocteau

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